In der Kalahari mit „Zahnärzte ohne Grenzen“(2018)

Namibia!

Ein wunderbares Reiseland. Wer hat nicht schon von dem Etoshapark mit seinen vielen interessanten Tieren wie Elefanten, Giraffen und Löwen, oder vom Caprivizipfel im Nordosten von Namibia mit seiner artenreichen Flora und Fauna gehört. Diese Ziele sind für den Individualreisenden oder den Pauschaltouristen gut über ausgebaute Asphaltstraßen zu erreichen. Weniger sind aber die Gebiete abseits der asphaltierten Reisebus-Straßen bekannt, die nur über Sandschotterpisten erreichbar sind, und noch weniger die kleinen Orte abseits dieser Straßen. Hier im Nordosten von Namibia an der Grenze zu Botswana ist die Kalahari, u.a. die Heimat der Buschmänner, den San, und der Hereros.

Wenn der Namibia-Tourist auf seiner Reise zwischen den Nationalparks und den dort befindlichen Sehenswürdigkeiten in den kleineren und größeren Städten einen Aufenthalt in den wunderschönen Unterkünften, den Lodges hat, so wird er allen erdenklichen Luxus genießen können. Er wird Tankstellen und Supermärkte mit einer Auswahl an Produkten vorfinden, die unserem bekannten Standard in Deutschland entsprechen. Auch wird er überall in den kleinen Städten und Orten Hinweisschilder von Ärzten und Apotheken finden. Der interessierte Namibia-Tourist wird annehmen, dass die medizinische Versorgung der namibischen Gesamtbevölkerung gesichert ist.

Dieser Schein trügt, denn die afrikanische Bevölkerung verfügt nicht über die finanziellen Mittel, um an all dem teilhaben zu können. Durch die Erkrankung an Hepatitis C, Tuberkulose oder HIV ist die Elterngeneration stark erkrankt oder gestorben. Der Großelterngeneration fehlt diese jüngere Generation als „Altersvorsorge“. Dazu kommt, dass sich die Großeltern nun auch noch um die Enkelkinder kümmern müssen. Oft übernimmt die ältere Schwester die Erziehung des kleineren Bruders. Die enorme Arbeitslosigkeit erledigt den Rest der Verarmung. Die wenigen staatlichen Kliniken sind finanziell, materiell und instrumental unterversorgt und können die Menge an Hilfsbedürftigen kaum bewältigen. Nur wer über finanzielle Mittel verfügt kann die privaten Krankenhäuser, Arzt- und Zahnarztpraxen aufsuchen. Geht man nur wenige Schritte aus seiner komfortablen Lodge heraus, wird man unmittelbar mit der Armut und der Unterversorgung der Bevölkerung konfrontiert. Je weiter man in die Gebiete abseits der asphaltierten Straßen kommt, um so signifikant größer wird die Armut, die medizinischen Verhältnisse werden minimalistischer und die hygienischen Umstände katastrophaler.

Und genau hier war unser diesjähriges Einsatzgebiet: In der Kalahari an der Grenze zu Botswana. Wir, das sind mein Kollege und bester Freund Dr. Christian Reiter, ein waschechter Bayer und ich, Dr. Ivo Pfütz, ein Preuße aus Hessen. Unser Team bestand nur aus zwei Zahnärzten. Leider konnten für diesen Einsatz mit „Zahnärzte ohne Grenzen (DWLF)“ keine zahnmedizinische Assistenz gefunden werden und die namibische Regierung lässt auch kein, nicht ausgebildetes Fachpersonal zur Assistenz humanitär in Namibia arbeiten. Somit waren wir auf uns alleine gestellt. Wir sollten in einem Gebiet tätig werden, wo über ein Jahr lang keine zahnärztliche Betreuung stattgefunden hatte.

Dementsprechend hatten wir unseren Einsatz über ein Jahr vorbereitet. Wir suchten Unterstützung bei Dentalfirmen, bei Apotheken und bei unseren Patienten. Die Resonanz für unseren „Zahnärzte ohne Grenzen“ -Einsatz war spektakulär. Es gab enorm viel Sach- und Geldspenden, sodass wir letztendlich mit vier, insgesamt über 90kg schweren Koffern, bepackt mit Anästhetika, Tupfern, Nahtmaterial, Füllungsmaterialien, Antibiotika, Schmerzmitteln, OP-Handschuhen, Mundschützen, Desinfektionsmitteln etc. in Windhoek, der Hauptstadt von Namibia, am Hosea Kutako Flughafen landeten. Hier übernahmen wir dann den von uns vorab organisierten Toyota Hilux. Letztendlich kauften wir noch eine Unmenge 5 Liter Wasserkanister und viele Küchenrollen unsere eigene zahnärztliche „Bohrmaschine“, eine umfunktionierte elektrische Zahnbürste zum Anmischen von Füllungsmaterialien, eine Polymerisationslampe zum Aushärten von Kunststofffüllungen und unsere chirurgischen Lieblingsinstrumente dabei. Somit war unsere „Mobile Praxis“ komplett und der Geländewagen bis obenhin vollbepackt. Nach ca. 600 km erreichten wir die Stadt Grootfontein. Hier sollten wir später noch für drei Tage im Umkreis von ungefähr 100 km sternförmig mehrere Orte anfahren und in kleineren Stationen u.a. bei dem Stamm der Hereros arbeiten. Zunächst ging es aber am nächsten Tag 350 km weiter in den Osten in Richtung Botswana in die Kalahari. Hier passierten wir die Veterinärgrenze, einen Zaun der quer durch Namibia verläuft, um in seiner Funktion als Grenze die Tierseuchen ausgehend von Angola und Botswana von Namibia fernzuhalten. Nun waren wir im ärmsten Teil von Namibia angelangt, in dem unter anderem das Volk der Buschmänner, die San, heimisch sind. Die einzige Lebensader zum Wohlstand war die etwas weiter abgelegene Teerstraße. Wir errichteten unsere „mobilen Behandlungsräume“ in …
  • einer Health Station, die seit über 30 Jahren von einer Schweizer Ärztin aufopferungswürdig geleitet wird,
  • in einem Kinderheim, welches von einer christlich organisierten rumänischen Gesellschaft geleitet wird,
  • in einer kleinen Klinik am Rande eines Hütten-Dorfes
  • und in einer kleinen, weitabgelegenen Gesundheitsstation für Tuberkulose-, Hepatitis C- und HIV-erkrankte Menschen.
All diesen Einsatzorten in der Kalahari und den später folgenden weiteren Einsatzorten in dem Gebiet um Grootfontein herum, waren die oftmals katastrophalen hygienischen Verhältnisse, das unzureichend saubere fließende Wasser und die mangelnde medikamentöse Unterversorgung gemein. Gleichwohl stand bei all diesen Einrichtungen und deren
Leitern der Wille und der Versuch zum Helfen im Vordergrund.

Wir bauten unsere „mobile Praxis“ in immer wieder unterschiedlichen Standorten auf, bestehend aus unseren „Bohr“-Maschinen, Absauganlage, chirurgischen Instrumenten und Verbrauchsmaterialien. Unser Behandlungsstuhl war ein einfacher Hocker, auf den sich unsere Patienten setzten. Über Stirnleuchten und Lupenbrillen beleuchteten wir uns die zu behandelnden Münder. Meistens mussten wir leider die stark kariösen Zähne extrahieren. Aber auch Füllungen konnten wir legen und somit den Erhalt der Zähne sichern. Wir arbeiteten jeder für sich allein oder halfen uns bei Bedarf gegenseitig. Abends, nach geleisteter Arbeit, reinigten wir alle unsere Instrumente und sterilisierten diese anschließend in unserem transportablen Sterilisationsgerät.

In mehreren Kinderheimen und Stationen übergaben wir Spenden, die wir dankenswerterweise von unseren heimischen Patienten in Deutschland erhalten hatten. Diese Spenden kamen 1: 1 in Afrika an. Zum Dank verabschiedeten uns die Kinder in den Kinderheimen oft mit einem traditionellen Lied.

Außerdem hatten wir wieder viele Brillen in unserem Gepäck. Diese Brillen hatten wir vorab von unseren Patienten zuhause bekommen. Es hatte sich nach meinen letzten Auslandseinsätzen herumgesprochen, dass ich alte ausgediente Brillen sammle. Immer wieder stehen Patienten in meiner Praxis, die mir ihre ausgedienten Brillen aushändigen. Über eine Tafel mit immer kleiner werdenden Buchstaben und Symbolen, konnten nun in Afrika die mit Zahnschmerzen geplagten Patienten, sich auch noch eventuell eine passende Brille aussuchen. So verließen uns hoffentlich viele Patienten ohne Zahnschmerzen und einige zusätzlich wieder mit verstärkter Sehkraft.

Neben Stiften und Spielbällen hatten wir auch noch Modellierluftballons im Gepäck, aus denen wir gerade für unsere kleinen Patienten lustige Luftballontiere in verschiedenen Farben bastelten. Und natürlich hatten wir auch Zahnbürsten dabei, die wir unter den Patienten verteilten.

Besonders beindruckt hat uns ein sehr alter blinder Mann vom Stamm der San. Sein Blindenstock war ein abgenutzter Besenstiel. Seine Fußzehen waren mit Mulllappen verbunden, da er sich vermutlich bei dem unebenen Gelände mehrfach verletzt hatte. Wir extrahierten diesem Mann drei Zähne, während er ausgiebig fortwährend lachte. Nach unserer Behandlung hörten wir den Mann bei den anderen wartenden Patienten wortstark sprechen. Auf unsere Nachfrage hin, da wir seine Sprache nicht verstanden, wurde uns auf Englisch übersetzt, dass er noch nie in seinem ganzen Leben erfahren hatte, dass er so schmerzfrei und ohne Kosten behandelt worden ist. Kopfschüttelnd und immer noch laut redend und lachend verließ er unsere Behandlungsstätte. Wir waren sprachlos und unsere Gedanken waren bei diesem alten San - was musste er wohl alles erlebt haben…

So arbeiteten wir an vielen unterschiedlichen Orten unter sehr rudimentären Bedingungen, in einer atemberaubenden Landschaft, unter immer äußerst netten und freundlichen Menschen, unterschiedlicher ethnischer Kulturen.

Zum Schluss unseres Einsatzes besuchten wir noch die staatliche Zahnstation in Grootfontein und die hier arbeitende Zahnärztin. Eine äußerst engagierte und versierte namibische Kollegin vom Stamme der Ovambos. Wir übergaben ihr alle unsere nicht verwendeten Materialien, wie z.B. Antibiotika, Schmerzmittel, Anästhetika und Füllungsmaterialien. Besonders wertvoll empfand sie auch die rotierenden Diamantbohrer, die man zum Beschleifen der Zähne benötigt. Fast beschämte uns das überglückliche Lachen unserer afrikanischen Kollegin über die für uns eigentlich notwendigen und standardmäßigen Arbeitsmaterialien.

Leider ging die Zeit viel zu schnell vorbei, der Abschied nahte und wir mussten wieder ca. 600 km zurück nach Windhoek fahren und Namibia Lebewohl sagen.

Und wie auf allen unseren Auslandseinsätzen, hatte wir viel Gepäck auf dem Hinweg, aber auf dem Rückweg waren unsere „Koffer“ mit den gesamten Eindrücken, den Erlebnissen und den Dankbarkeiten viel, viel größer „gepackt“.

Unser Dank gilt natürlich auch wieder unseren Familien, die wieder einmal auf einen gemeinsamen Urlaub verzichtet hatten und uns „unseren Einsatz hat machen lassen“. Gleichwohl gilt unser Dank aber auch unseren Patienten, die uns mit vielen guten Wünschen und Unterstützung auf den Weg geschickt hatten, nicht ohne uns immer deren Interesse zu bekunden, alles zu berichten, was wir erleben werden. Und natürlich gilt unser besonderer Dank unseren Sponsoren wie den Apotheken und großen Dentalfirmen, die unseren Einsatz in Namibia an der Grenze zu Botswana in der Kalahari im Buschmannsland unterstützt haben. Ohne Sie alle wäre unser humanitärer Einsatz nicht möglich gewesen.

Herzlichen Dank


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